Von Mikrowellen ins Visier genommen

In den letzten Jahren habe ich einige Erfahrungen sammeln können, um die mich niemand beneiden dürfte. Denn auch in den eigenen vier Wänden fühle ich mich nicht mehr sicher. Es gibt diverse Hinweise darauf, dass die einfachsten Haushaltsgegenstände zur Überwachung und systematischer Verunsicherung einzelner Bürger umfunktioniert oder, sehr wahrscheinlich sogar, genau nur zu diesem Zweck konstruiert werden.

Aufmerksam darauf wurde ich, als ich bemerkte, dass eine handelsübliche Eieruhr in direkter Nähe zur Mikrowelle deutlich langsamer ging. Was das für die Eier bedeutet, kann man sich vorstellen. Rückte ich die Eieruhr einige Zentimeter von dem Heißluftgerät weg, so normalisierte sich die Funktionsfähigkeit wieder. In aufwändigen Einzeltests konnte ich feststellen, dass die Mikrowelle offenbar unsichtbare Strahlen aussendet, die technische Geräte und vemutlich auch Menschen beeinträchtigen.

Mein Verdacht, mir mit dem Kauf einer Mikrowelle das perfekte, mich letztendlich aber vor allem zermürbende und willenlos machende, Überwachungsgerät in die Wohnung geholt zu haben, wurde durch die eigenartigen Sounduntermalungen bei laufendem Betrieb nur noch bestärkt. Das permanente (Daten)Rauschen und der grelle “Bing”-Ton am Ende der Datenübertragung, so wie das Ende einer Zeile beim Schreiben mit der Schreibmaschine, signalisierte nicht nur die fertig zubereitete Mahlzeit, sondern auch das erfolgreiche Übermitteln meiner Speisedaten. Ich versuchte, die von der Mikrowelle verwendeten Ports mit der Firewall zu sperren, konnte aber nicht fündig werden. Ganz offensichtlich waren die Sicherheitsfirmen Teil der Mikrowellenüberwachungsmaschinerie oder liessen sie gewähren.

Ich wurde zunehmend vorsichtiger. Mein Geschirr räumte ich nicht mehr weg, um nicht zu vergessen, dass ich schon gegessen hatte und die Mikrowelle nicht wiederholt benutzen musste. Beim Einschalten des Gerätes trug ich fortan eine Maske, um die Überwachungsergebnisse zu verfälschen. Sollten sie doch denken, dass der frühe Sido sich ständig mit Mikrowellenessen versorgt!

Der Versuch, mit anderen Betroffenen in Kontakt zu treten, scheiterte kläglich. Die Scham der Mikrowellenüberwachungsopfer war offenbar zu gross, um sich anderen Menschen mitzuteilen. Ich meldete mich bei etlichen Kochkursen an, um neben Schweinebraten auch dieses heikle Thema anzuschneiden, aber mir wurde nur die kalte Schulter gezeigt, die dann später – nach einem alten Mikrowellenrezept – zubereitet werden sollte. Fassungslos starrte ich auf die Köpfe der Leute, die ungeschützt in die Mikrowelle blickten und ihre Gesichter scannen liessen. Meine Warnungen wurden in den Wind geschlagen und nachdem ich mich mehrfach mit einem lauten “Neeeeeeiiiiin!” zwischen Mikrowelle und Teilnehmer geworfen hatte, wurde ich des Kurses verwiesen.

Als dann im Erdgeschoss meines Hauses ein Mikrowellenfachgeschäft eröffnete, wusste ich: sie sind unter uns.

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