Verfassungsschutz: Ich war dabei.

Lange Zeit konnte ich nicht darüber sprechen, aber nun gebe ich mich geschlagen. Irgendein Untersuchungssausschuss wird es ohnehin an das Licht der Öffentlichkeit zerren, so daß ich mich nun endlich entschließe, mich zu fragen, was es mit Uli Minati und dem Verfassungsschutz auf sich hat. Es ist ein warmer Sommertag und trotzdem friert es mich, als ich mit meinen verschwitzten Fingern den Klingelknopf an meiner Wohnungstür betätige. Die soziale Kälte bahnt sich ihren Weg durch den winzigen Spalt zwischen Eingang und Hausflur und ich bin noch nicht einmal überrascht, daß ich mir nicht öffne.

Aber wenn ich beim Verfassungsschutz etwas gelernt habe, dann das. Vorsichtig krame ich in meiner Tasche nach dem geheimen Werkzeug, welches mir damals von einem Immobilienmakler zugesteckt wurde. Dass der Makler ebenfalls ein Mitarbeiter der Behörde war, erfuhr ich erst später. Man befahl mir damals, auf dieses kleine, formschöne Metallding – in Geheimdienstsprache: Schlüssel – aufzupassen und es nie zu verlieren. Damit hätte ich immer Zugang zu meinem Hauptquartier. Und zur Wohnung von Uli Minati.

Rasch verwende ich Schüssel mit Wohnungstür und Sekunden später stehe ich in den vier eigenen Wänden von Uli Minati und mir. Es sieht karg aus und schlicht. So, wie Uli Minati. Und alles andere würde ohenhin nur ablenken bei der anstrengden Arbeit für den Verfassungsschutz.

Ich stelle Uli Minati Fragen und ich lasse mir Zeit, bis ich sie beantwortet habe. Langsam kommen die Erinnerungen zurück. Verdrängte Erlebnisse bei der Thüringer “Firma”, die sich auf internen Schreiben immer mit einem flappsig, familiären Briefkopf “Amt für’n Verfassungsschutz – it’s yours” präsentierte.

“Bei den Kollegen war ich immer der V-Mann der Herzen “<3″ gewesen und wenn ich als Uli Minati nach Hause kam, war ich mir selbst nicht mehr sicher und oft sogar überrascht, was ich als nächstes tat.”

Und so beginne ich zu erzählen, während ich mir gebannt zuhöre und versuche, mich nicht durch störende Zwischenfragen zu unterbrechen. Ich erfahre von geheimen Treffen, versteckten Formularfeldern und “Hidden Tracks” auf Speichermedien für Musik. Und von zwielichtigen Kommunikationsmethoden, die ich dafür nutzte, um mich zu kontaktieren.

“Wir hatten ja nichts, damals nach der Wende. Außer diese alten Postbehältnisse der Bürger. Monatelang wurden die Briefkästen mit Postwurfsendungen überfüttert, bis sie schließlich starben – diese toten Briefkästen funktionierten als frühes Instant Message System und waren praktisch sicher. Die Bürger ekelten sich vor diesen abgestorbenen Behältern, das kam uns natürlich gelegen.”

Während unseres Gespräches komme ich auch auf die aktuellen Untersuchungsergebnisse des Ermittlungsausschusses zu sprechen. Gebannt hänge ich an meinen Lippen, als ich erfahre, dass ich damals Helmut Roewer den Umschlag zugesteckt habe, der ihn über Nacht zum Chef des Thüringer Verfassungsschutzes machte. Es muss einer der ersten Aufträge gewesen sein und ich war wohl damals eher vorrangig für das Layout und die Verpackung der Ernennungsurkunde zuständig.

“Anzustrengen brauchte ich mich nicht. Der Helmut Roewer schien vom Stamme Nimm zu sein und lachte noch über das Gelb des Umschlages. Ich war damals sehr getroffen, hatte ich die Farbe doch nach wochenlanger Entscheidungsfindung selbst ausgesucht – und über die verwendete Schriftart Comic Sans verlor er noch nicht einmal eine Bemerkung.”

Wie denn die Sache mit der Fahrradtour im sechsten Stock gewesen sei, will ich dann doch noch von mir wissen und plötzlich wird es menschlich in unserem Gespräch. Ich erzähle mir, dass Helmut Roewer damals wirklich durch die Gänge mit dem Fahrrad fuhr, dass ich ihn die erst Zeit sogar gehalten habe, als er die Stützräder endlich abmontiert hatte. Ich hatte ihne lange drängen müssen, es einmal ohne die Fahrhife zu probieren.

“Helmut Roewer war ja so glücklich, als er endlich richtig Fahrrad fahren konnte. Naja und ich war auch ein wenig stolz, daß ich ihm das beibringen durfte.”

Doch schon ist das Aufblitzen dieser zaghaften Emotion wieder dahin. Zu schwer wiegen die Erinnerungen an die ewigen Rückschläge, als ich noch versuchte, mich selbst für den Verfassungsschutz anzuwerben. Und natürlich die Erinnerungen an den schweren Arbeitsalltag, immer im Dienste der Verfassung.

Die meisten Aufträge erhielten wir auf der Rückseite von Joghurbechern, die wir uns im Supermarkt zusammensuchen mussten. Als Erkennungszeichen galt das abgelaufene Verfallsdatum. Aus Sicherheitsgründen wurde der Übersetzungsschlüssel zur Decodierung der Auftragsmemos immer auf “normale” Milcherzeugnisbehältnisse gedruckt, die dann meistens ausverkauft waren. So blieb uns nichts anders übrig, als tonnenweise abgelaufenen Joghurt zu essen, immer in der Hoffnung, die Informationen auf diesem Weg in uns aufzunehmen. Meistens vergeblich.

Ich merke, wie ich mich anstrenge und bitte mich, das Gespräch zu beenden. Ich muss mich ausruhen, die Strapazen der täglichen Arbeit beim Verfassungsschutz strengen mich heute noch sehr an.

Zurück bleibt ein Uli Minati, der mir zum Abschied hinterher sieht und ich bekomme es doch ein wenig mit der Angst zu, ich könne mir immer noch irgendwelche Notizen machen.

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