Zu Besuch in der Kunst-Allergie

Gestern war es zu dunkel, daher habe ich das Bild heute erst gemacht.Irgendwie hatte ich es ja vermutet, als Milo mir am Freitag den Besuch einer Kunstgalerie vorschlug. Immerhin hatte ich mich vorher etwas erkundigt und in Skopje scheint Kunst durchaus ein großes Thema zu sein. Es soll mittlerweile viele Galerien geben und auch die mazedonische “Junge Kunst” scheint sich mehr und mehr Türen und Tore zu öffnen. In bestimmten Stadtteilen gibt es immer wieder Kurzzeit-Veranstaltungen, bei denen sich junge Künstler den großen Leerstand an Wohnungen und Fabrikhallen zunutze machen.

Dem entgegen hat sich aber auch eine andere Szene entwickelt, eine Szene, der sich ganz offensichtlich auch Milo zugehörig fühlt. Menschen, denen diese Kunst-Entwicklung auf die Nerven geht, Menschen, die in Kunst generell keinen Sinn sehen. Nebenbei scheint es aber auch ein wenig “hip” zu sein, sich in solchen Kreisen zu bewegen.

In den Räumlichkeiten der “Kunst-Allergie” befanden sich schon ordentlich Leute, die Wände waren von kahler Schlichtheit oder mit irgendwelchem Zeug beschmiert. Es herrschte insgesamt aber eine ruhige, entspannte Stimmung. Musik war nicht zu hören, nebenbei lief nur ein Radiosender mit Nachrichten oder so etwas in der Art.

Milo erklärte dann später, das wäre normal, man wolle sich von keiner Art Kunst ablenken lassen und in Party-Stimmung würde man durch das Hören von Nachrichten kommen. Musik wäre schon zu gewollt, zu künstlich. Das Ablesen von Nachrichten hingegen würde in der Szene der Kunst-Allergie als Form der Reinheit, der Echtheit, angesehen.

Und tatsächlich lief den ganzen Abend nur dieses eine Radioprogramm, welches weder von Musik noch von Werbung unterbrochen wurde. Zudem war es noch nicht einmal live, ich konnte ab und zu beobachten, wie jemand eine CD einlegte.

Milo stellte mich einigen Freunden vor und nach einigen Erfrischungsgetränken näherte sich der Höhepunkt des Abends. Eine junge Frau und ein etwas älterer Mann traten vor die Menge hielten eine sehr emotionale und kämpferische Rede, die ich mir dann später so halbwegs übersetzen ließ. Grob zusammengefasst wurde gesagt, daß Kunst absoluter Unsinn sei und die Menschen nur von der Arbeit abhalten würde. Maler, Musiker oder andere Künstler würden vorsätzlich ihre Arbeitskraft der Gesellschaft entziehen und die Moral anderer untergraben. Man wolle den Kampf gegen die Kunst weiterführen, wenn nötig auch mit allen verfügbaren Mitteln. An dieser Stelle wurden vier Eimer mit roter Farbe nach vorne geholt und Milo flüsterte mir zu: Blut. Und dann, aber auch nicht wirklich beruhigend: Hühnerblut. Mit dem Blut wurde ein großes Quadrat auf den Boden gemalt, welches irgendwie die Grenzen der Gesellschaft symbolisieren sollte, die mit Blut verteidigt werden müssten.

Ein paar Leute, unter anderem auch Milo, holten dann plötzlich aus einer Ecke vier Stapel Bücher hervor und machten sich daran, diese zu verbrennen und ich konnte ihn gerade noch davon überzeugen, daß ich aus historischen Gründen ungern an einer Bücherverbrennung teilnehmen möchte. Nach kurzer Rücksprache wurden die Bücher dann von sechs oder sieben Leuten mit Äxten bearbeitet, während in einer anderen Ecke des Raumes Bilder von jungen Künstlern verbrannt wurden.

Früher, so sagte Milo, hätte man versucht, die Bücher und Gemälde in Kühltruhen zu entsorgen – man sei aber schnell darauf gekommen, daß die Kunstwerke dadurch eher länger haltbar gemacht werden würden, anstatt zerstört zu werden. Während dieser Aktion wurde das Radio mit dem Nachrichtensender von eine Art DJ immer laut und leiser gestellt und einige Leute ließen sich von den Informationen sogar so weit mitreißen, daß sie anfingen, den Text mitzugröhlen.

Auf dem Weg nach Hause fragte ich Milo vorsichtig, ob diese Vorstellung nicht vielleicht auch eine Art von Kunst darstellen könnte, er hat den ganzen Heimweg kein Wort mehr mit mir gesprochen.

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