Es sind die kleinen Dinge.

Der Verkaufstellenleiter des Supermarktes hatte nicht schlecht geschaut, als ich ihm – nach der dritten Höflichkeitsfloskel seinerseits – die Worte “Wer freundlich ist, hat etwas zu verbergen und bei Ihnen bekomme ich auch noch heraus, was das ist, Freundchen!” entgegenschleuderte.

Dabei versuchte ich möglichst lässig und auch ein wenig bedrohlich zu wirken, was mir sogar einige Sekunden gelang. Allerdings hatte ich in der ganzen Aufregung vergessen, meinen Mund zu schließen, so dass der darin befindliche Kaugummi seinen Weg nach draußen fand. Langsam kullerte er an meiner Zunge vorbei, während ich noch damit beschäftigt war, dem Verkaufsstellenleiter mit meinen Blicken blaue Flecken zuzufügen.

Einen kurzen Moment später spürte ich, wie der Kaugummi über die Unterlippe den Mundraum verließ und sofort dem Boden entgegen fiel. Mit einer schnellen Bewegung nach unten, die ich mir selbst bis zu diesem Moment nicht zugetraut hätte, überholte ich das fallende Kauobjekt, drehte meinen Kopf direkt darunter, fing die, kaum noch nach Pfefferminze schmeckende, Masse mit der Zunge balancierend auf und schluckte alles hinunter.

Ein paar Leute applaudierten.

Ich bedankte mich mit einem kurzen, kühlen Kopfnicken und nahm wieder Haltung an. Der Verkaufsstellenleiter zuckte kurz zusammen, als ich mit meiner rechten Hand, Zeigefinger und Mittelfinger ausgestreckt, erst in die Richtung meiner und dann in die Richtung seiner Augen zeigte. Erstaunlicherweise gelang in diesem Moment die bekannte “Ich beobachte Dich”-Geste. An anderer Stelle hatte ich schon mehrfach den verschiedensten Leuten schwere Verletzungen zugefügt, weil ich einerseits die Entfernung zwischen ihnen und mir überschätzte und andereseits die Länge meines Armes, zuzüglich der ausgestreckten Finger, unterschätzte. Als ich mich umdrehte, zitterte der Mann ein wenig.

Auf dem Weg durch den Supermarkt fuhr ich ein paar Leuten, die ich noch nicht kannte, mit dem Wagen in die Beine und fragte die schmerzhaften und erschrockenen Gesichter “Haha, verstehen Sie Spaß? Humor ist ja, wenn man trotzdem lacht, nicht wahr?”.

Ich kannte diesen Supermarkt schon lange. Und es kamen jeden Tag immer wieder Leute, die ich noch nicht kannte. An guten Tagen und wenn das Personal mich gewähren ließ, erzählte ich den Leuten von der Geschichte des Marktes und dass da vorne an der Kasse früher mal ein Fahrstuhl gewesen sei. Ein Fahrstuhl bis zur vierten Etage. Noch bevor das Gebäude überhaupt stand. Doch dann entschloss man sich, das Haus nur als Ergeschoß zu bauen und der vierstöckige Fahrstuhl musste wieder abgerissen werden. Während solcher Geschichten lief ich immer eng mit den Leuten mit und summte ihnen leise Fahrstuhlmusik in die Ohren. Sie sollten sich dabei irgendwie geborgen fühlen, irgendwie gut aufgehoben. Die meisten kamen nie wieder.

Meistens wartete ich mit meinem Rundgang immer bis in die Abendstunden und darauf, daß der Markt sich füllte. Bis dahin hatte ich den Korb schon randvoll gepackt und stellte mich so gegen 18.45 Uhr an einer der überfüllten Kassen an. Manchmal verließ ich auch unter einem Vorwand meinen Einkaufswagen und beobachtete von weitem, wie lange man gewillt war, mir meinen Platz in der Schlange freizuhalten. Die Mitarbeiter an der Kasse kannten mich und ich konnte sehen, wie sie begannen, nervös zu schwitzen, wenn ich mich in ihre Schlange gereiht hatte. Und sie wussten: ich würde die Einkäufe auf das Band legen, meinen Rucksack abnehmen, mehrere Säcke mit 1-Cent und 2-Cent Münzen herausnehmen und sagen: “Es sind die kleinen Dinge, die sie zählen.”

 

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