Was macht eigentlich Eva Hermann?

Manchmal stehe ich stundenlang an der Wursttheke bei Edeka und schaue der Gesichtswurst in die Augen. Wir spielen dann das Spiel: “Wer als Erster blinzelt, hat verloren”. Das bin meistens ich. Und manchmal lasse ich sie einfach auch gewinnen. Aber die Gesichtswurst schaut wenigstens zurück. Das ist deutlich mehr als ich von Menschen behaupten kann, die ich anschaue. Wenn niemand daneben steht, versuche ich sogar manchmal, ein Gespräch zu beginnen, aber die Gesichtswurst antwortet nie.

Vermutlich ist die Scheibe, die uns trennt, zu dick und sie kann mich gar nicht hören. Und überhaupt: Hören! Hat Gesichtswurst eigentlich Ohren? Hat irgendjemand bei der Konzeption dieser niedlichen Tierprodukte mit Augen auch nur einmal an Ohren gedacht? Deswegen schaut die Gesichtswurst manchmal auch so traurig. Weil sie mich reden sieht, weil sie weiß, daß ich sie mag, ihr etwas sagen möchte, meine Gedanken mit ihr teilen will und sie es aber nicht hören kann.

Verstehen würde sie es. Ganz sicher. Das sieht man! Man sieht einer Gesichtswurst sofort an, ob sie jemanden mag oder nicht. Mich mag sie. Jedenfalls hat sie bisher noch nichts anderes gesagt. Obwohl: Gesagt! Vielleicht kann ich sie ja nicht hören, weil … nein! … ich habe ja Ohren, aber vielleicht ist die Scheibe zwischen uns so dick, daß ich sie einfach nicht verstehe? Und ich würde sie verstehen. Ganz sicher.

Und wenn ich dann, die Gesichtswurst betrachtend, so da stehe, dann frage ich mich manchmal: “Was macht eigentlich Eva Hermann und wenn ja, warum immer noch?”.

 

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