Sprachwissenschaft, Alter!

Die Party erreichte gerade ihren Höhepunkt, als ich die Wohnung betrat. Der noch sehr junge Richard David Precht brüllte als Sänger einer Punkrockband, die im Wohnzimmer spielte, welterklärende Zeilen ins Mikrophon.

Bier ist mein Friseur
Und Bier ist auch mein Bäcker
Und Bier ist auch Musik
Und nicht Konstantin Wecker.

Jeder wusste damals schon, daß er sein Talent später in irgendwelchen TV-Sendungen vergeuden würde, aber das war egal. Die Wohnung war zum bersten voll, ca. 120 Leute verteilten sich auf drei Zimmer und jeder hatte mindestens einen Hund dabei. Ich schappte mir die “Ey, die Hunde” und ging mit ihnen erst einmal vor das Haus. Alle Hunde hießen Ey!, Alter! oder Kühlschrank, zumindest hörten sie aber nicht darauf.

Als ich wieder in die Wohnung kam, hatte gerade jemand seinen Grill in die Mitte der Küche platziert, ein Schild mit der Aufschrift “Alles vegan Dir – 2 Euro” aufgestellt und grillte Dinkelburger. An der provisorischen Bar, also eher einem Kasten Bier auf dem Tisch, versetzte ein Junge mit Iro jedem Studenten, der eine Mate verlangte, eine schallende Ohrfeige und ich überlegte mir gerade, wie ich meinem Arbeitsberater am Montag relativ schonend meinen neuen Berufswunsch vermitteln sollte. Auf dem Weg in die Küche erklärte ich schnell noch dem Typen vom Plattenstand, der sowieso etwas gelangweilt aussah, daß das Wort Vinyl ein Vergleichswort ist.

“Nyl ist ja der leicht abgewandelte Grundstoff, aus dem Schallplatten hergestellt werden. Aus “wie Nyl” wurde dann später das Wort Vinyl. Außerdem kommt die Redewendung ‘Die Erde ist eine Scheibe’ ebenfalls aus der Zeit der Erfindung der Schallplatte und wurde von der Kirche als Drohung verwendet. Man sollte Angst davor haben, daß Gott bei nicht gefälligem Verhalten eine andere Platte auflegen oder gar die B-Seite abspielen könnte. Das ist Sprachwissenschaft, Alter! Mach den Mund wieder zu!”

Richard David Precht erklärte gerade, daß er vorhabe, eine Cover-Version von “Es fährt ein Zug nach Nirgendwo” zu interpretieren und was der Text in seiner Tiefe eigentlich bedeute und daß es dafür mehr als drei Akkorde bräuchte. Ich glaube, das war sein eigentlicher Bruch mit der Punkszene und ich dachte die ganze Zeit, “was für ein krasser Traum” und dann schlief ich ein.

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