Klopfzeichen

Es hat geklopft. Ich gehe zur Tür und bleibe davor stehen. Vielleicht habe ich mich auch geirrt und es hat gar nicht geklopft. Man täuscht sich ja häufiger als man denkt. Nicht nur bei Klopfgeräuschen an Türen. Das kann auch zum Beispiel beim Ausfüllen eines Wahlzettels passieren. Oder man irrt sich beim Einkaufen. Plötzlich ist der Hunger verflogen und man hat umsonst einen Haufen Geld ausgegeben. Zu allem Überfluss hat man auch noch anderen Leuten – also Menschen, die vielleicht wirklichen, echten Hunger verspürten – wertvolle Lebensmittel weggekauft und fühlt sich deswegen schlecht. Dann legt man sich hin, ruht sich ein wenig aus und dann klopft es plötzlich und und man muß zur Tür gehen.

Es klopft noch einmal. Ich versuche an dem Geräusch zu erkennen, in welcher Höhe auf der anderen Seite gegen die Tür geklopft wird. Nach einer Weile und einigen weiteren Klopfern bin ich mir einigermaßen sicher, daß es sich bei der klopfenden Person vermutlich um einen 1,78m großen Erwachsenen handeln könnte. Oder um ein 1,34 m großes Kind auf einer 48cm hohen Fußbank. Ich könnte nun durch den Türspion schauen, um nachzusehen, aber den habe ich vor mehreren Jahren mit einem Kaugummi zugeklebt. Von innen. Damit ich nicht sehen muß, wer vor der Tür steht. Außerdem war ich mir nie wirklich sicher, ob die Bilder des Türspions nicht vielleicht doch als Video an einen Computer übertragen werden.

Aus der Küche habe ich mir einen Kaffee geholt, den ich nach dem zweiten Klopfen aufgegossen hatte.

Es klopft schon wieder. Offenbar handelt es sich um einen geübten Klopfer. Vermutlich hat sich schon Hornhaut auf den Fingerknöcheln gebildet, so daß man stundenlang im Takt immer und wieder gegen unzählige Türen klopfen kann, ohne sich zu verletzen. Und wie oft sitzt man in der Straßenbahn, sieht Menschen mit verhornten Fingern und denkt sofort. “Aha, ein Klopfer.” Routinierte Klopfer zeichnen sich dadurch aus, daß sie in der Lage sind, über einen längeren Zeitraum intervallartig zu klopfen, ohne aus dem Rhythmus zu kommen. Die Schwierigkeit dabei ist weniger der Rhythmus des Klopfens, sondern eher das peinlich genaue Einhalten der Pausenzeiten dazwischen. Wenn mit dem Klopfen auch eine Art der Dringlichkeit transportiert werden soll, so empfiehlt sich nach der dritten oder vierten Wiederholung eine Steigerung der Klopfgeschwindigkeit und / oder die langsame, aber stetige Erhöhung der Klopflautstärke. Dies gelingt aber selbst den besten Klopfprofis erst nach intensivem Training. Für den Klopfanfänger ist es daher meist einfacher, mit dem Klopfen von weniger komplexen Einheiten zu beginnen.

Ich gehe nocheinmal in die Küche und mache mir ein belegtes Brötchen.

Es hat schon wieder geklopft. Diesmal etwas dumpfer. Es scheint fast so, daß bei diesem Klopfen statt der Hand eher ein Fuß oder der Kopf eingesetzt wurde. Daran kann man das Einsetzen von Hilflosigkeit auf Seiten des Klopfers erkennen. Oder auch Resignation, daß ein vorher geplantes Ziel, welches mit Hilfe des Klopfens erreicht werden sollte, in weite Ferne gerückt ist. Der Klopfer fragt sich in dieser Situation oft, ob das alles überhaupt einen Sinn ergibt und ob er überhaupt an der richtigen Tür klopft. Man kann die Verunsicherung fast durch die Tür hindurch spüren. Diesen Zweifel, ob man mit dem Klopfen fortfahren oder doch lieber aufgeben soll.

Es hat nun schon fast fünf Minuten nicht mehr geklopft. Offenbar war es nicht wichtig. Oder der Klopfende hat sich wirklich in der Tür geirrt. Und Besuch bekomme ich ja eigentlich sowieso fast nie.

2 comments

  1. Kerstin Winkler

    Klopf, klopf!
    Da ich ein ungeduldiger Klopfer bin und mir das Schreiben leichter von der Hand geht als das Sprechen vom Munde schiebe ich just einen Zettel durch den (hoffentlich vorhandenen) Briefschlitz an Deiner Tür mit folgendem Wortlaut: “Ich habe mir beim Lesen köstlich auf die Schenkel geklopft! Nun sind Oberschenkel und Hände wieder gut durchblutet und es kann weitergehen; was auch immer…”

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