Ein DDR-Abriss

Zu Zeiten der DDR war das mir wohl geläufigste Konjunktiv-Substantiv das Wort “Elektrizität”. Die Erklärung hörte ich bei jedem Geburtstag, den ich im Dunkeln verbringen musste: “Elektrizität ist ein Möglichkeitswort. Denn wenn es Strom geben TÄTE, wäre es der Lampe MÖGLICH, zu leuchten.” Und nicht nur an Strom mangelte es von Zeit zu Zeit. Der kleine Laden mit dem überschaubaren Wurst- und Fleischangebot, vorne an der Ecke der Straße, wurde von allen Leuten in unserem Neubaublock nur “Vielleicher” (statt Fleischer) genannt: “Vielleicht gibt’s was, vielleicht aber och nich.” Angeblich sollten die “guten” Stücke aus dem Schlachtvorgang unter diesem sagenhaften “Ladentisch” erhältlich sein, aber wer auch nur einmal unter eben jenen Ladentisch geschaut hatte, der wusste, dass man da unmöglich Lebensmittel auch nur länger als ein paar Minuten ohne Schaden für die Gesundheit aufbewahren konnte.

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Anfang der 80er Jahre gab es in einigen Straßen der Stadt keine elektrische Beleuchtung, sondern noch alte Gaslaternen. Aus diesem Grunde veranstalteten die dort lebenden Bewohner deutlich häufiger Laternenumzüge mit den Kindern. Ich kann mich noch erinnern, daß wir im Herbst und Winter fast täglich mit befreundeten Familien und mit unzähligen Laternen behangen durch die schlecht ausgeleuchteten Straßen gingen. Jahre später, als es dann auch Taschenlampen gab, wurden auch diese dazu verwendet, um die schlechten Gehwege anzuleuchten, damit niemand stolperte und zu Schaden kam. Die Volkswirtschaft braucht jeden gesund und einsatzbereit.

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Ein bekannter DDR-Verkaufsschlager waren die Jesuslatschen. In den Sommermonaten gab es keinen Bürger Ostdeutschlands, der nicht mit diesem Schuhwerk anzutreffen war. Entsprechend groß war die Nachfrage. Gleich bei uns um die Ecke befand sich ein Park, in dem noch bis kurz vor der Wende sogar Privatpersonen gebrauchte Jesuslatschen kauften und verkauften, da selbst auf dem Schwarzmarkt die Schuhe nur schwer zu bekommen waren. Währenddessen lief die Produktion aber trotzdem auf Hochtouren. Selbst in den Kindergärten und Schulen wurden im Rahmen der “Produktiven Arbeit” (Schulfach PA) Einzelteile für die Jesuslatschen hergestellt. Herr Jakowski, unser Lehrer, der in seinem Kittel immer eine angefangene F6-Zigarettenschachtel stecken hatte und meistens ein paar Minuten zu spät kam, rief alle zwei Wochen zu Stundenbeginn: “Hinsetzen und zuhören: Heute mach’mer wieder Riemchen für de Sandaletten.”

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Winter in der DDR war auch immer wieder ein besonderes Erlebnis. Während die Bevölkerung der ehemaligen BRD sich schon am Kaminfeuer aus dem Farbfernseher wärmen konnte, mussten die Bewohner der DDR mit dem deutlich kälteren Standbild eines Lagerfeuers aus dem Schwarzweiß-Kasten vorlieb nehmen. Während der pädagogischen Betreuungszeiten bastelten daher die Schüler Daumenkinos aus gemalten Kaminbildchen. Die Vorlage für diese Zeichnungen kamen aus alten Messekatalogen, Kamine selber kannte man hierzulande natürlich auch viele Jahre später noch nicht. Die Daumenkinos konnten aber weder die Menschen noch deren Herzen wirklich erwärmen, wenn man jedoch an einem kalten Winterabend so ein Kamin-Daumenkino mehrere tausend Mal abspielte, dann konnte es doch noch etwas gemütlich werden. Nicht wenige Bürger nahmen für ihre Daumenkinos sogar Eintritt, um sich so ein wenig dazu zu verdienen. Während der Frühjahrs- und Herbstmesse in Leipzig säumten unzählige Bürger die Fußgängerzone in der Leipziger Innenstadt und versuchten ihre Daumenkinos an Besucher aus der BRD gegen Westgeld zu verkaufen. Aber auch im Tausch gegen Farbfotos von echtem Feuer wurden die kleinen Basteleien angeboten.

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